Arbeitszeugnis entschlüsseln: Die Geheimcodes der Zeugnissprache
Ein Arbeitszeugnis zu lesen ist wie das Entschlüsseln einer Geheimsprache.
Arbeitgeber sind gesetzlich verpflichtet, Zeugnisse wohlwollend zu formulieren –
doch genau das hat zu einer eigenen Codesprache geführt, die auf den ersten Blick
positiv klingt, aber eindeutige Schulnoten transportiert.
📜 Das Wichtigste in Kürze
- Arbeitszeugnisse nutzen eine standardisierte Codesprache mit klaren Noten-Entsprechungen
- Die Formulierung „stets zur vollsten Zufriedenheit" entspricht Note 1
- Das Wort „bemüht" ist ein Warnsignal für Note 5-6
- Was nicht im Zeugnis steht, kann genauso wichtig sein
- Die Schlussformel kann die Gesamtnote auf- oder abwerten
Die Zufriedenheitsformel: Das Herzstück jedes Zeugnisses
Die wichtigste Passage in jedem Arbeitszeugnis ist die sogenannte Zufriedenheitsformel.
Sie fasst die Gesamtleistung zusammen und folgt einem streng codierten System.
Kleine Wortunterschiede haben große Auswirkungen:
| Note |
Formulierung |
Bedeutung |
| 1 |
„...stets zu unserer vollsten Zufriedenheit..." |
Sehr gut |
| 1-2 |
„...zu unserer vollsten Zufriedenheit..." |
Sehr gut bis gut |
| 2 |
„...stets zu unserer vollen Zufriedenheit..." |
Gut |
| 3 |
„...zu unserer vollen Zufriedenheit..." |
Befriedigend |
| 4 |
„...zu unserer Zufriedenheit..." |
Ausreichend |
| 5 |
„...im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit..." |
Mangelhaft |
| 6 |
„...hat sich bemüht, die Aufgaben zu erfüllen..." |
Ungenügend |
Geheimcodes und versteckte Techniken erkennen
Neben den Standard-Formulierungen gibt es subtilere Techniken, mit denen Arbeitgeber
negative Bewertungen verstecken. Diese Geheimcodes sind besonders tückisch,
weil sie auf den ersten Blick harmlos oder sogar positiv wirken.
1. Passiv-Formulierungen
Wenn Erfolge nicht dem Mitarbeiter zugeschrieben werden, ist Vorsicht geboten.
Beispiel
Passiv: „Die Projekte wurden erfolgreich abgeschlossen."
Aktiv (besser): „Er/Sie schloss die Projekte erfolgreich ab."
Die Passiv-Formulierung lässt offen, wer für den Erfolg verantwortlich war.
2. Negation (Verneinung)
Die Technik, etwas Negatives zu verneinen, klingt positiv – ist es aber nicht:
⚠️ Achtung bei diesen Formulierungen
- „gab keinen Anlass zu Klage" = Note 3-4 (warum sollte es Klage geben?)
- „war nicht unbeliebt" = Note 4-5 (doppelte Verneinung ist nie positiv)
- „führte zu keinen Beanstandungen" = Note 3-4
3. Betonung des Selbstverständlichen
Wenn selbstverständliche Eigenschaften besonders hervorgehoben werden, fehlen oft die
wirklich wichtigen Aussagen:
Typische Lückenfüller
- „war stets pünktlich" (ohne weitere Leistungsaussagen)
- „hielt die Arbeitszeit ein"
- „erschien regelmäßig zur Arbeit"
Diese Aussagen sind Mindestanforderungen und sollten nicht als Hauptleistung hervorgehoben werden.
4. Das beredte Schweigen
Oft ist das, was nicht im Zeugnis steht, das eigentliche Problem.
Bestimmte Informationen müssen bei bestimmten Tätigkeiten erwähnt werden:
- Führungskräfte: Führungsverhalten MUSS erwähnt werden
- Vertrieb/Kundenservice: Umgang mit Kunden MUSS erwähnt werden
- Kassierer: Ehrlichkeit/Zuverlässigkeit im Umgang mit Geld MUSS erwähnt werden
- Projektleiter: Projekterfolge SOLLTEN genannt werden
Fehlen diese Angaben, ist das ein versteckter Code für Note 5-6!
Die Schlussformel: Der heimliche Star des Zeugnisses
Die Schlussformel am Ende des Zeugnisses kann die gesamte Bewertung auf- oder abwerten.
Sie besteht typischerweise aus drei Elementen:
1. Dank für die Zusammenarbeit
Ein Dank ist ein positives Signal und zeigt, dass der Arbeitgeber die Zusammenarbeit
geschätzt hat. Fehlt der Dank, kann das negativ wirken – ist aber rechtlich zulässig (kein Rechtsanspruch laut BAG).
2. Bedauern über das Ausscheiden
Das Bedauern verrät viel über die Trennungsgründe:
- „Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden sehr": Eigenkündigung, sehr guter Mitarbeiter
- „Wir bedauern sein/ihr Ausscheiden": Eigenkündigung, guter Mitarbeiter
- Kein Bedauern: Meist Kündigung durch Arbeitgeber oder problematisches Verhältnis
3. Zukunftswünsche
Die Art der Zukunftswünsche ist ebenfalls ein Code:
Die besten Zukunftswünsche
„Wir wünschen ihm/ihr für die Zukunft beruflich und privat alles Gute und
weiterhin viel Erfolg."
Das „weiterhin" ist wichtig – es bestätigt, dass der Mitarbeiter bereits erfolgreich war.
Eingeschränkte Wünsche (Warnsignal)
„Wir wünschen ihm/ihr für die Zukunft alles Gute."
Nur private Wünsche ohne beruflichen Bezug können ein negatives Signal sein.
Das Sozialverhalten: Die Reihenfolge zählt!
Beim Sozialverhalten gibt es eine feste Reihenfolge, die eingehalten werden sollte:
✅ Korrekte Reihenfolge
„Sein/Ihr Verhalten gegenüber Vorgesetzten, Kollegen und Kunden war stets einwandfrei."
⚠️ Problematische Reihenfolge
„Sein/Ihr Verhalten gegenüber Kollegen und Vorgesetzten war einwandfrei."
Wenn Kollegen vor Vorgesetzten genannt werden, kann das auf Probleme mit Autorität hindeuten.
Auch das Fehlen einer Gruppe ist ein Signal: Werden Kunden nicht erwähnt,
obwohl Kundenkontakt zur Tätigkeit gehörte, ist das ein versteckter negativer Code.
Ihre Rechte bei einem schlechten Arbeitszeugnis
Wenn Sie ein schlechtes oder ungenaues Zeugnis erhalten haben, haben Sie verschiedene Möglichkeiten:
1. Anspruch auf Berichtigung
Bei falschen Tatsachenbehauptungen können Sie eine Korrektur verlangen.
Der Arbeitgeber muss nachweislich falsche Aussagen ändern.
2. Anspruch auf bessere Note
Bei der Benotung gilt eine besondere Beweislastregel:
- Note 1-2: Der Arbeitnehmer muss beweisen, dass er diese Note verdient
- Note 3: Der Arbeitgeber muss beweisen, warum er keine bessere Note gibt
- Note 4-6: Der Arbeitgeber muss die schlechte Note begründen können
Die Rechtsprechung geht davon aus, dass die durchschnittliche Leistung „befriedigend" (Note 3) ist.
Alles darunter muss der Arbeitgeber begründen können.
3. Kein Anspruch auf Schlussformel
Wichtig: Auf Dank, Bedauern und Zukunftswünsche haben Sie
keinen rechtlichen Anspruch. Diese Elemente sind freiwillig.
4. Fristen beachten
Es gibt keine gesetzliche Frist für die Zeugnisberichtigung, aber Sie sollten zeitnah handeln:
- Empfehlung: Zeugnis innerhalb von 2-4 Wochen prüfen und beanstanden
- Verjährung: Der Anspruch auf Zeugniserteilung verjährt nach 3 Jahren
- Verwirkung: Nach langer Zeit kann der Anspruch verwirken
Häufige Fragen zum Arbeitszeugnis
Was bedeutet „stets zur vollsten Zufriedenheit"?
Diese Formulierung entspricht der Note 1 (sehr gut). Es ist die beste
Bewertung, die man im Arbeitszeugnis erhalten kann. Das Wort „stets" verstärkt die
Aussage zusätzlich und zeigt, dass die Leistung durchgehend auf diesem Niveau war.
Was bedeutet „hat sich bemüht"?
Die Formulierung „hat sich bemüht" oder „war bemüht" ist ein eindeutiges
Warnsignal und entspricht der Note 5 (mangelhaft). Sie
signalisiert, dass der Mitarbeiter zwar versucht hat, die Anforderungen zu erfüllen,
dies aber nicht geschafft hat. Bei „Er/Sie hat sich bemüht, die Aufgaben zu erledigen"
handelt es sich sogar um eine Note 6.
Was ist der Unterschied zwischen „stets" und „immer"?
In der Zeugnissprache ist „stets" das stärkere Wort und wird für
bessere Noten verwendet. „Immer" gilt als schwächere Variante. Während „stets zur
vollen Zufriedenheit" einer Note 2 entspricht, wäre „immer zur vollen Zufriedenheit"
eher eine 2-3.
Warum wird mein Verhalten gegenüber Kunden nicht erwähnt?
Wenn Sie Kundenkontakt hatten und dieser nicht erwähnt wird, ist das ein
versteckter negativer Code. Es deutet darauf hin, dass es Probleme
im Kundenumgang gab. Bei Tätigkeiten mit Kundenkontakt sollte das Verhalten gegenüber
Kunden immer genannt werden.
Was bedeutet „im Großen und Ganzen"?
Der Zusatz „im Großen und Ganzen" ist eine massive Abwertung.
„Er erledigte seine Aufgaben im Großen und Ganzen zu unserer Zufriedenheit" entspricht
einer Note 5. Die Formulierung signalisiert, dass es erhebliche
Mängel gab.
Kann ich ein besseres Zeugnis verlangen?
Ja, unter bestimmten Umständen. Ab einer Note 3 (befriedigend) liegt
die Beweislast beim Arbeitgeber – er muss begründen können, warum er keine bessere
Note gibt. Bei falschen Tatsachenbehauptungen können Sie immer eine Korrektur verlangen.
Auf eine bestimmte Schlussformel (Dank, Bedauern, Wünsche) haben Sie allerdings keinen
rechtlichen Anspruch.
Warum fehlt der Dank in meinem Zeugnis?
Laut BAG-Rechtsprechung besteht kein Rechtsanspruch auf eine Schlussformel
mit Dank (BAG 25.01.2022, 9 AZR 146/21). Ein fehlender Dank kann von Personalern zwar
negativ interpretiert werden, ist aber rechtlich zulässig und stellt kein „beredtes
Schweigen" dar. Das BAG sagt: Das Fehlen lässt eher Rückschlüsse auf den Verfasser als
auf den Beurteilten zu.
Was bedeutet es, wenn nur Pünktlichkeit erwähnt wird?
Wenn selbstverständliche Eigenschaften wie Pünktlichkeit oder
Anwesenheit besonders betont werden, fehlen oft die wichtigen Leistungsaussagen.
Dies ist ein Zeichen dafür, dass der Arbeitgeber nichts Positives über die eigentliche
Arbeitsleistung sagen konnte oder wollte.
Spielt die Reihenfolge im Zeugnis eine Rolle?
Ja, sehr! Beim Sozialverhalten ist die Reihenfolge „Vorgesetzte,
Kollegen, Kunden" Standard. Werden Kollegen vor Vorgesetzten genannt, kann das auf
Probleme mit Autorität hindeuten. Auch die Reihenfolge der Aufgabenbeschreibung
(wichtige zuerst) und der Leistungsmerkmale ist bedeutsam.
Was ist ein qualifiziertes Arbeitszeugnis?
Ein qualifiziertes Arbeitszeugnis enthält neben den Tätigkeiten auch
eine Beurteilung der Leistung und des Verhaltens. Im Gegensatz dazu beschreibt ein
einfaches Zeugnis nur Art und Dauer der Beschäftigung. Nach § 109 GewO haben Sie
Anspruch auf ein qualifiziertes Zeugnis, wenn Sie dies verlangen.
Wie lange habe ich Zeit, mein Zeugnis zu beanstanden?
Es gibt keine gesetzliche Frist, aber Sie sollten zeitnah handeln
(empfohlen: 2-4 Wochen). Der Anspruch auf Zeugniserteilung verjährt nach 3 Jahren,
kann aber vorher verwirken, wenn Sie zu lange warten. Je länger Sie warten, desto
schwieriger wird die Beweisführung.
Was bedeutet „gab keinen Anlass zu Klage"?
Diese Formulierung ist eine versteckte Negation und entspricht etwa
einer Note 3-4. Die Aussage klingt positiv, wirft aber die Frage auf:
Warum sollte es überhaupt Grund zur Klage geben? Eine echte Note 1-2 würde positive
Aussagen enthalten, nicht die Verneinung von Negativem.
Muss der Arbeitgeber mir ein Zeugnis ausstellen?
Ja! Nach § 109 GewO haben Sie bei Beendigung des Arbeitsverhältnisses
einen Anspruch auf ein schriftliches Zeugnis. Der Arbeitgeber muss es auf Ihren
Wunsch als qualifiziertes Zeugnis (mit Leistungsbeurteilung) ausstellen. Das Zeugnis
muss in Papierform vorliegen und eigenhändig unterschrieben sein.
Was tun bei einem schlechten Zwischenzeugnis?
Ein Zwischenzeugnis hat die gleichen Regeln wie ein Endzeugnis. Sie können
Berichtigung verlangen, wenn Aussagen falsch sind oder die Note
nicht gerechtfertigt ist. Wichtig: Das Zwischenzeugnis hat oft Bindungswirkung für
das spätere Endzeugnis – der Arbeitgeber kann nicht plötzlich eine viel schlechtere
Bewertung abgeben.